Autor aus Frankfurt
Jürgen Steinbach
Jürgen Steinbach studierte Germanistik, Amerikanistik und Soziologie in Frankfurt am Main, wo er seitdem lebt und arbeitet. Bisher erschienen sind der Roman "Planquadrat Prag", die Novelle "Schelmenmarkt", die Kurzgeschichtensammlung "Fliehende Faune" sowie der Roman "bin da - oder geschweige denn morgen".
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Jürgen Steinbach
Autor
Biographie
Jürgen Steinbach wuchs in Gelnhausen, einer Kleinstadt unweit von Frankfurt am Main, auf, wo er die übliche schulische Laufbahn absolvierte, und auch zum ersten Mal darüber nachgedacht habe, wie er sagt, ob alles Übliche nicht vielleicht dazu da sein könnte, in Frage gestellt zu werden. Weil das aber richtigerweise mit Eigeninitiative und recht viel Arbeit in Verbindung gebracht werde, habe er gelernt, immer rechtzeitig Abstand von solchen Ideen zu nehmen und lieber damit angefangen, sich Vorstellungen davon zu machen, wie es denn wäre, sich ein kritisches Engagement nur vorzustellen. Damit habe alles angefangen. Zum Beispiel seine ersten Versuche etwas aufzuschreiben, das nicht naheliegend war. Was dann sehr stringent dazu habe führen müssen, sich aufs Naheliegende zu konzentrieren.
Dabei scheint er geblieben zu sein.
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Sein Studium in Frankfurt nahm also die Schlenker, die abzusehen waren. Sich vorzustellen, bei einer Sache zu bleiben, schien nicht möglich, genauso wenig sie zu Ende zu bringen. Dass ihn eben diese Tatsache bis heute zum Schreiben inspirieren würde, war damals noch nicht absehbar gewesen für ihn. Den Wunsch, dass das so sein würde, habe er allerdings bereits verspürt, das wisse er noch genau.
An Umstände zu glauben, denen der Mensch zwangsläufig nicht auskommt, passt zu der Lebenseinstellung, wie so oben schon angeklungen ist, und so war er nicht überrascht über die Situation an sich, sehr wahrscheinlich jedoch über die Art und Weise wie sie eintrat: Mit eigener Familie kam plötzlich Verantwortung, die er zwar nicht gesucht hat. Aber sie einmal angenommen, war klar, dem Leben eine neue Richtung zu geben, so wie das von sich und der Welt erwartet wird.
Immerhin sollte das Schreiben dem Alltag nicht vollends zum Opfer fallen.
Dennoch, erst im Jahr 2005, also 15 Jahre nach Beendigung seines Studiums und Beginn seiner beruflichen Laufbahn bei einer semi-staatlichen Entwicklungshilfeorganisation, entstand der Roman Planquadrat Prag. Ein guter Freund hatte ihm den Vorschlag gemacht, der zu dieser Zeit in Prag eine Leasingfirma gegründet hatte. Ein Macher also war vonnöten, ihm den erforderlichen Drive zu verleihen, sich endlich wieder daran zu erinnern, was er sich seinerzeit einmal versprochen hatte: Vorstellungen treu zu bleiben. Dass sie in diesem Falle Unterstützung brauchten (den roten Faden zum Buch lieferte besagter Freund), mochte ihn vielleicht ein wenig gestört haben. Aber weil er schon immer Inhalte im Allgemeinen für überbewertet halte, könne er sich umso besser dem Besonderen widmen, was den konkreten Plot zwar nicht überflüssig mache – aber nebensächlicher, als man das meinen mag, wie er sagt.
Wie er das meint? Nun, auch in seinen späteren Texten spielt das Gefühlte und Erahnte eine größere Rolle als das Erlebte. In der im Jahr 2013 erschienen Novelle Schelmenmarkt etwa wird in vier Tagen ein Volksfest in G. geschildert (übrigens die Stadt, in der er aufwuchs), das kaum mehr denn als Fassade dient. Wofür? Um noch einmal in die Vergangenheit einzutauchen, die er sich im Nachhinein so schön ausgemalt hat, wo zwar die Idylle der Kleinstadt für ihn bereits erste Risse bekommen habe (während das Fachwerk heute scheinbar makelloser erscheine, denn je, wie er sagt). Es wird daher auch nicht die Idylle gewesen sein, die ihn im Schelmenmarkt zurückversetzt in jene Zeit, sondern die Kraft eines Gefühls, die Adoleszenz in
sich reifen lassen kann, wenn man ihr die Gelegenheit dazu gibt. Und dann wächst man daran oder vergeht (pathetisch ausgedrückt).
2017 erscheint die Kurzgeschichtensammlung Fliehende Faune. Den Untertitel findet er schnell und als eine Art Rechtfertigung: miniaturen in e-moll. Steinbachs Einschätzung seines Selbst hatte genug Zeit bekommen, am Ende herausgefunden zu haben, dass er zwar keine Lust auf eine handfeste Depression verspürt aber das Melancholische an sich bei sich auf keinen Fall verlieren möchte. Ohne das er bestimmt seinen Job erledigen könne – aber nie das Schreiben. Wobei Schreiben, und das sei eine essenzielle Bemerkung, auch nie zur Erledigung anstehe; vielmehr dürfe ein Ende niemals abzusehen sein aber immer vor Augen. Der alltägliche Wahnsinn sei dabei sehr hilfreich. Weil der nämlich ohne große Mühe zeige, wie es auch nicht gehe. Dann lieber schreiben.
Für den Roman bin da oder geschweige denn morgen, der im Jahr 2025 veröffentlichte wurde, nahm er sich die meiste Zeit. Oder nahm der Roman einfach nur die meiste Zeit in Anspruch? Immerhin umfasst er sein ganzes Schriftstellerleben. Das, zugegeben, zu sehr vom anderen unterbrochen war, als dass sein Œuvre als überbordend bezeichnet werden könnte. Ein Œuvre, das, wie er sagt, ihn gefunden hat, nicht umgekehrt. Und das müsse nicht originell klingen. Vielmehr könne er gar nicht anders als über sich zu schreiben (und da sei er viel weniger allein als andere das vielleicht meinen möchten). Seinen neuesten Roman als Porträt zu bezeichnen, liegt daher sehr nahe. Ebenso, dass er sowohl porträtiert wird als auch selbst porträtiert. Auf diese Weise gelänge es ihm, sich als Schöpfer über seine Modelle zu erheben ebenso wie als Kreatur bloß still zu sitzen. Und was wolle man mehr als das?!
Jürgen Steinbach hat keine Biografie, die hervorsticht. Aber eine, die manchmal Stiche versetzt. Wie tief, das muss der Leser entscheiden.
Meine Werke
bin da oder geschweige denn morgen
Ist es eine Frage an den Historiker? Muss man das, was WAR kennen, um mit dem, was IST umgehen zu können? Es könnte nicht schaden, könnte er antworten. Und bleiben wir ruhig im Konjunktiv; denn was möglich ist und was möglicher, wird das Buch zwar nicht verstehen. Aber als Frage immer offenlassen, wenn es ums Leben geht. Hier genauer: um das des Autors. Das von da nach dort nach Chancen sucht, sich einigermaßen glimpflich über die Runden zu bringen und aus Bredouillen. Sich alle Möglichkeiten zwar nicht gewähren – sie aber nicht aus den Augen verlieren. Das geht, indem man jeden Tag aufs Neue darüber nachdenkt, wie das gehen könnte. Und nicht allein aus einer Sicht, das wäre fatal; denn mit dem eigenen Schicksal hadern ist leicht. Und leicht macht er es sich wahrlich nicht, unser Autor, wenn seine Figuren (wobei er sich selbst nicht ausnimmt) sich regelmäßig aufeinander zubewegen und voneinander weg, um eine Bewegung zu erzeugen, die nicht vorgetäuscht wirken muss und eine Leere nicht unbotmäßig. Manche Romane behaupten gern, sie schafften das. Porträts sind vielleicht ehrlicher (wenn darauf verzichtet wird, sie künstlich aufzuhübschen). Seine Modelle zu lieben, muss dem Autor also nicht schwerfallen und Akte zu entwerfen. Diese dann auszumalen nach seiner Fasson scheint kein schlechter Versuch, sich bei Laune zu halten. Leser vielleicht auch. Gleichwohl eine Laune, der man hinterlaufen muss; weil sie möglicherweise heute schon nicht mehr da ist – geschweige denn morgen.
Fliehende Faune
Nach einem Roman und einer Novelle legt Jürgen Steinbach jetzt eine Sammlung von Texten vor, die eine klassische Einordnung nicht erlaubt. Geschichten, auf wenige Seiten, manchmal nur Zeilen komprimiert, sind als Geschichten oft kaum mehr wahrnehmbar. Man könnte meinen, Sprache sei Handlung genug: karg und eisig, ausufernd und entflammt − und Alles in Einem. Steinbach zeigt in seinen miniaturen, wie man auf kleinem Raum und fast bescheiden eine große Welt beschreiben kann, teilweise brutal, teilweise zärtlich – aber stets einfühlsam und niemals ganz ohne diesen besonderen Ton, der immer etwas schräg klingt und unter die Haut geht. Zum Hiersein verdammt – aber Bleiben geht nicht einfach. Gedanken, manch mal nur Splitter davon, schaffen es, dem Leser eindrucksvoll klarzumachen, dass es etwas gibt, was man sich kaum vorstellen kann: Fliehende Faune. Gefangen in einem Netz aus Skepsis und Melancholie, suchen die Protagonisten nach einem Aus weg im Woanders und verfallen einer Romantik, die es so scheinbar nicht mehr gibt.
Schelmenmarkt
Auf dem besten Weg erwachsen zu werden, will er endlich wissen wofür. Also bemüht er sich eine gute Weile, dem, was um ihn herum passiert, einen Sinn zu geben und die Erwartungen, die an ihn herangetragen werden, ernst zu nehmen. Warum seine Mühe in Lethargie mündet, muss er nicht verstehen, glaubt er − fast schon wohlig richtet er sich ein in ihr. Und jetzt ist Schelmenmarkt. Und wie schön es doch sein kann, sich abzulenken, denkt er − denn das Leben ist durchaus zum Lachen. Leicht besinnt er sich auf scheinbar Wesentliches und Alkohol und Frauen, stellt er sich vor, könnten ihm helfen dabei. Zwar ein Versuch, der scheitern muss – und der es gleichwohl in sich hat. Unser Held kennt beides. Deswegen wird so viel gedacht, noch mehr geglaubt und so wenig verstanden.
Planquadrat Prag
Prag Anfang der 1990er. Nach der sogenannten Revolution hat sich die tschechische Metropole durch den wirtschaftlichen Wandel quasi über Nacht zu einem El Dorado des Ostblocks gemausert. Alte kommunistische Kader, gescheiterte, deswegen nicht ungescheite Westunternehmer und die nicht wegzudenkenden Nutznießer aus der Halb- und Unterwelt sind die modernen Glücksritter und Goldgräber.
Mittendrin der Stanford-Absolvent Otto – karrieregeil und erfolgsverwöhnt. Auf seinem Weg nach oben begegnet ihm Wellkamp, ein zwielichtiger, machtbesessener Selfmade-Millionär, der ihn zum Geschäftsführer seiner Prager Finanzierungsgesellschaft ernennt. Aber Korruption, Intrigen, kriminelle Machenschaften und – nicht zuletzt – seine Affäre mit der verführerischen und geheimnisumwitterten Vera drohen ein Desaster heraufzubeschwören. Ottos Situation eskaliert.
Da bietet sich ihm die Chance, den Deal seines Lebens zu machen. Gemeinsam mit dem wiedergefundenen Freund und Aussteiger Kersten initiiert er über Hongkong und Liechtenstein raffinierte Geschäftsmanipulationen. Schafft es Otto, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen? Oder gibt es da vielleicht einen Plan? Ist er etwa nur fassonierte Figur in einem undurchsichtigen Spiel?
Lesungen und Weiteres

August 2026
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Was ist es, das geschehen ist? Eben das, was hernach geschehen wird. Was ist es, das man getan hat? Eben das, was man hernach wieder tun wird; und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.
Prediger 1.9
Gabriele: Erzählen Sie mir doch etwas. Wir haben uns ja schon so lange nicht gesehen … Was machen Sie denn eigentlich?
Anatol: Ich mache nichts, wie gewöhnlich!
Arthur Schnitzler
Morgens die Sonne erwarten, abends die Nacht. Das ist alles.
Peter Altenberg
Ich verstehe sehr wohl, dass man einen Menschen glücklich macht, indem man sein häusliches Unglück seinem Blick entzieht und dafür sein ganzes Denken auf den Wunsch richtet, gut zu tanzen.
Blaise Pascal

Jürgen Steinbach
"Seine Texte gehören zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – sie sind oft sprachlich experimentell, reflektierend und thematisch eher introspektiv bzw. erzählerisch angelegt."



